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Je mehr Speicherplatz eine Festplatte bietet, desto mehr Daten speichern die Leute. Unzählige E-Mails der letzten Jahre, zahllose weitere Dokumente, Fotos, Chat-Protokolle, Videos. Ich frage mich: Muss das sein? Und fordere: mehr Mut zum Löschen und Vergessen.

Ich gebe zu, ich bin vergesslich. Einkaufszettel, To-do-Listen oder der eine oder andere Weg, den ich doppelt mache, weil ich einfach vergessen habe, dass ich auf dem Weg zum Bäcker ja auch die Briefe in den Briefkasten werfen wollte, gehören zu meinem Alltag. Auch Geburtstagslisten oder Ähnliches sind mir nicht fremd. Ich bin einfach ein vergesslicher Mensch, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Für Menschen wie mich wurden diese kleinen gelben Zettel erfunden, die man überall hinkleben kann. Und das tue ich auch hier und dort.

Im Grunde bedeutet Behalten für mich: Mühe. Momentan bin ich dabei, Französisch zu lernen, und ich muss dazu sagen, dass ich bereits in der Schule meine Schwierigkeiten hatte, Vokabeln zu lernen. Mit dem Lernen dieser Vokabeln und meiner Vergesslichkeit prallen da also mal wieder zwei Welten aufeinander, und ich wünschte mir: Würde ich doch alles behalten, was ich lese, oder zumindest schneller behalten, als ich es momentan tue.

Über diesen Umstand habe ich in den letzten Wochen tiefer nachgedacht und bin zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen. Schließlich kann man diese als Einschränkung empfundene Eigenschaft auch als Fähigkeit sehen.

War was?

Vergessen zu können, wirklich vergessen zu können, kann auch ein Segen sein. Natürlich nur in gewissen Grenzen, ist ja klar, aber wenn diese Eigenschaft nicht zu extrem ausgeprägt ist, dann hat sie durchaus auch eine Funktion, nämlich sich auf Weniges konzentrieren zu können. Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Das Gehirn muss nicht jede einzelne Wahrnehmung verarbeiten und speichern – und kann damit seine Kapazität für wichtigere Denkprozesse bereitstellen.

Und dieses Verhalten ist ja auch durchaus sinnvoll. In der Vergangenheit mussten wir uns im Vergleich zu heute sehr wenige Dinge merken. Es war einfach nicht überlebenswichtig, Tausende von kleinen Details abrufbereit im Kopf zu haben. Es gab auch viel weniger Dinge, die man sich hätte merken können. Begriffe wie Informationsflut waren ja sogar noch vor ein paar Jahren unbekannt. Im Vergleich zur Zeit vor 5000 Jahren oder vor 500 Jahren oder auch vor hundert Jahren müssen wir heute mit sehr viel mehr Informationen umgehen. Informationen, die man sich irgendwie merken muss.

Sammeln, sortieren, speichern, abrufen

Ganz früher waren Dinge, die man sich nicht merken konnte, verloren, es sei denn, man hatte das Wissen mit jemandem geteilt.

Heute können wir unserer vermeintlichen Schwäche mit technischen Hilfsmitteln entgegenwirken. Mit einem Buch und einem Stift kann man viele Dinge festhalten. Reicht zumindest, um Geburtstagslisten, Telefonnummern, Kochrezepte oder auch Wegbeschreibungen festzuhalten.

Elektronische Datenverarbeitung bietet uns seit einiger Zeit noch ganz andere Möglichkeiten. Speicher ist billig, und Informationen werden zunehmend digital zur Verfügung gestellt. Intelligente Suchalgorithmen erlauben, auch große Datenbestände noch zu bändigen.

Nun ist es aber so, dass wir diese neuen Möglichkeiten nicht nutzen, um das Notwendige an Informationen elektronisch zu verwalten, sondern wir erliegen der Versuchung, möglichst alle Informationen lückenlos zu erfassen, zu archivieren und so für immer verfügbar zu machen.

Oft geht dies ja auch sehr einfach. Man vergleiche einfach mal die Menge an Post, die noch vor ein paar Jahren in unsere Briefkästen wanderte, und das, was sich mittlerweile in unsere Mailfächer verirrt hat. Was ist einfacher zu archivieren und auch später zu durchsuchen? Da hat die elektronische Post eindeutig Vorteile. Obwohl die Menge viel größer ist als die Papierpost, die wir früher empfangen haben.

Lückenlose Selbstüberwachung

Nun habe ich vor einiger Zeit mal den Film »The Final Cut«gesehen. Dort haben Menschen in der Zukunft einen kleinen Chip eingebaut, der alle visuellen Informationen, die sie im Laufe unseres Lebens aufnehmen, aufzeichnet und wieder abrufbar macht.

Kurze Zeit später fiel mir dann ein Artikel in die Hände über den Versuch einiger Mitmenschen, ein ähnliches lückenloses Protokoll ihres Lebens zu erstellen. Sie binden sich dann entweder eine Kamera um den Hals, oder sie stecken sich eine kleine Minikamera an den Brillenbügel. Und so wird dann mehr oder weniger den lieben langen Tag aufgezeichnet und abends auf eine Festplatte übertragen. Ziel dabei ist ein lückenloses Tagebuch, allerdings ohne Kommentare oder Zusatzinformationen.

Kommentieren ist hier auch kaum möglich. Wer sollte diese gigantische Datenmenge aufarbeiten und vor allem: Wann sollte dies passieren, werden auf diese Art doch schneller neue Informationen erzeugt, als sie kommentiert werden könnten.

Aber natürlich hat man auch dieses Problem schon erkannt und arbeitet an einer automatischen Kategorisierung von Filmmitschnitten. Durch Mustererkennung oder durch GPS-Daten könnte man zum Beispiel den Film automatisch mit Informationen anreichern, die einem später eine gezielte Suche ermöglichen.

Der Wert des Vergessens

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man dieser Datenflut Herr werden und sogar automatisch intelligente Verknüpfungen dieser Daten herstellen kann. Vielleicht könnte man dann irgendwann einmal eine Abfrage folgender Form stellen: »Gib mir alle ersten Begegnungen mit meinen aktuellen Freunden« oder »Gib mir alle Momente in denen ich Geburtstagskerzen ausgepustet habe«. Das klingt ja auch irgendwie reizvoll, aber diese Spielerei hat auch durchaus ihre Schattenseiten. Und da kommen wir wieder zum unterschätzten Wert des Vergessens.

Anmerkung: Ich habe dies etwa 2008 geschrieben. Jetzt haben wir 2017 und Google hat kürzlich eine Software vorgestellt, die genau die vorher genannten Funktionen zur Verfügung stellt.

Menschen vergessen nun mal, und sie haben Strategien entwickelt, damit zu leben, zum Beispiel kleine gelbe Klebezettel für die wichtigeren Dinge. Auch ermöglicht das Vergessenkönnen, über schlimme Dinge hinwegzukommen. Es gibt einfach viele Situationen, an die wir uns gar nicht erinnern wollen, und oft bekommen wir Probleme, wenn wir sie nicht vergessen oder zumindest verblassen lassen können. Vergessen ist geradezu überlebenswichtig. Wir erkaufen es uns mit der Notwendigkeit, ein Telefonbuch führen zu müssen, aber das ist noch erträglich im Vergleich zum Verlust dieser Fähigkeit.

Jeder hat den einen oder anderen Moment in seinem Leben, an den er nicht so gerne zurückdenkt. Damit meine ich gar nicht mal so gravierende Dinge wie den Verlust von lieben Menschen oder einen schlimmen Unfall. Das können ganz triviale Dinge sein, wie sich in den Finger zu schneiden. Wir wissen zwar vielleicht noch den Vorgang, haben allerdings alle Kleinigkeiten vergessen, die damit im Zusammenhang standen. Das ist aber nicht bei allen Menschen so.

Menschliche Datenbanken

Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht vergessen können. Die wissen genau, was sie vor 934 Tagen zum Frühstück gegessen haben. Ziemlich unnütz, wenn man gleichzeitig weiß, dass sie dies mit der Unfähigkeit erkaufen, sich auf ganz alltägliche Dinge konzentrieren zu können. Denn diese Unfähigkeit, Dinge zu vergessen, führt zu einer ständigen Aufgewühltheit und Rastlosigkeit. Alte Bilder tauchen immer wieder auf und verwehren damit den Blick auf die Gegenwart.

Natürlich ist diese Krankheit ein Extrem in Sachen Nicht-vergessen-Können, aber dieses Beispiel soll ja auch nur zeigen, dass das Vergessen oder Verblassen von Erinnerungen durchaus seinen Sinn hat. Deshalb ist es grundsätzlich in Frage zu stellen, ob ein künstliches Herbeiführen eines solchen Zustandes lückenloser Erinnerung durch kontinuierliche Aufzeichnung des ganzen Lebens, wirklich wünschenswert ist.

Ob und wie eine solche Lebensweise uns selbst verändert, ist zwar eine interessante Fragestellung an sich, einen Selbstversuch würde ich dennoch nicht machen wollen.

Alles muss raus

Einige Fragen, die sich aus der ständigen Aufzeichnung ergeben sind zum Beispiel, ob man sein Verhalten ändert, weil man ja weiß, dass alles archiviert wird. Oder ändern andere Menschen ihr Verhalten mir gegenüber? Werde ich selber es noch wagen zu lügen? Werden andere mich mehr oder weniger anlügen, oder werden sie gar den Kontakt mit mir meiden…

Vor ein paar Tagen habe ich eine Folge von Black Mirror (The Entire History of You) gesehen, die genau diesen Punkt aufgreift. Wie verändert uns die Tatsache, dass alles protokolliert wird und wieder hervorgewürgt werden kann.

Ich für meinen Teil halte diese Archivierungswut für entbehrlich. Vor ein paar Wochen habe ich erst einmal alle E-Mails gelöscht, die älter als zwei Jahre waren. Das war mehr als ein Gigabyte. Als nächstes werde ich in meinen Keller gehen und alles rauswerfen, was ich in den letzten zwei Jahren nicht mehr gebraucht habe und von dessen Existenz ich auch schon gar nicht mehr weiß.

Ich wollte noch etwas Abschließendes sagen, ein ganz schlaues Zitat, aber auch das habe ich leider vergessen. Gott sei Dank.

My two cents.

Guido Boyke

 

Dieser Artikel ist in seiner Ursprungsform zum ersten mal 2008 im Pisto-Magazin erschienen. Er wurde überarbeitet und auf den neuesten Stand gebracht.